Albert Schweitzer: Philosophische Prämissen und der Kult der Vernunft

Die von Albert Schweitzer auf über 700 Seiten referierten Theologen arbeiteten vernunftgläubig und meist reduktionistisch, unter Massgabe der Prämissen von Deisten, von Kant, Hegel und anderen Philosophen. (In der Schweiz bekannt ist David Friedrich Strauss, dessen Berufung nach Zürich 1839 gar einen politischen Umsturz, den Züriputsch, provozierte.) Sie hinterliessen eine solche Verwirrung, dass Schweitzer Jahrzehnte nach der Abfassung seines Werks, im Vorwort zur sechsten Auflage 1950, bei den vorliegenden Deutungen ein «Chaos» konstatierte.

Dieses ist bis heute nicht behoben: Die Debatten etwa um das Verhältnis der Evangelien zueinander halten an. Grundfragen sind nicht geklärt – bedenklich angesichts der Tatsache, dass Wissenschaft sich durch Falsifizierbarkeit von Thesen auszeichnet.

Eines wollte der grosse Theologe und Missionsarzt Schweitzer gegen alle rationalistischen Kahlschläge bewiesen haben: dass Jesus eschatologisch dachte, das Ende der Welt und Gottes Gericht vor Augen hatte. Aufgrund des Historismus seiner Zeit bezog er Denken und Verkündigung des Nazareners auf die «spätjüdische Eschatologie». Dass die bei Jesus festgestellte Erwartung vom baldigen, unwiderstehlichen Einbruch des übernatürlichen Gottesreiches sich im
1. Jahrhundert nicht erfüllte, legte Schweitzer ihm als Irrtum aus.

So blieb es Schweitzer, den bleibenden humanen Gehalt der urchristlichen Verkündigung fürs katastrophale 20. Jahrhundert festzuhalten. Der Glaube sei geschichtlich geworden: «Nun aber nötigt die Ehrfurcht vor der Wahrheit, zu der auch die geschichtliche gehört, unseren Glauben, diese Unbefangenheit aufzugeben und sich einzugestehen, dass er auf Grund einer stattgefundenen Entwicklung so geartet ist. Er kann dies tun, ohne an Jesus irre zu werden.»

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