Gottes Wirklichkeit und die Menschen im alten Israel

Der Autor diagnostiziert eine Prägung des Westens durch die antike griechische Philosophie, die Sichtbares und Unsichtbares dualistisch trennte. Nach einem Flug über die westeuropäische Geistesgeschichte von der Renaissance zur Aufklärung kommt Veraguth zur Rekonstruktion der altisraelitischen Geschichte als Fiktion, welche Gelehrte im 19. Jahrhundert wagten – «eine Welt von ausgeklügelten Gottesvorstellungen», kombiniert mit dem kollektiven Selbstverständnis der Israeliten als erwähltes Volk. Die historisch-kritische Methode machte es möglich: «Theologen … definierten auf dem Boden von Israels geschichtlichen Erfahrungen einen historischen Kristallisationskern für die flüchtige Idee von Gott» (18f).

Schöpfung, nicht Evolution
Im zweiten Kapitel geht der Autor auf den Gegensatz zwischen dem Konzept der Evolution und christlichem Schöpfungsglauben ein. Von den Theologen der fortschrittsgläubigen Moderne schreibt er: «Weil sie als ‹aufgeklärte Geister› dem Evolutionsgedanken verfallen waren, meinten sie, die Priester zur Zeit des Exodus hätten auch nach dem Schema gedacht: ‹Von primitiv zu hochgeistig›. Weil sie der Schrift als einem Zeugnis misstrauten, machten sie die damaligen Zeugen zu Mythenerzählern.» (23) Der ausgefeilte Dualismus, den Veraguth hier sieht («Die Wirklichkeit zerfällt in Geschichte und Deutung»), macht die daraus erwachsende Theologie für ihn zu einem Lügengebilde. «Denn der Dualismus, der die Wirklichkeiten trennt, ist ein fruchtbares Biotop für Inkonsistenzen und Lügen aller Art.»

Eine Wirklichkeit
Veraguth weist auf die Unvereinbarkeit von Schöpfungs- und Evolutionsglauben hin: «Wer möchte einen barmherzigen Schöpfer und eine unbarmherzige Auslese unter einen Hut bringen?» (28) Das hebräische Wirklichkeitsverständnis kommt in der Wurzel dbr/dwr zum Ausdruck: «Reden und Handeln kommen bei Gott aus der gleichen Quelle und führen beide zu Resultaten, sei es nun das vernommene ‹Wort›, oder die wahrnehmbare ‹Sache›, oder gar die erlebte ‹Geschichte›.» (32) Auf den Punkt gebracht: «Gottes Rede von heute ist die Realität von morgen.» (41)

Trotz der Sünde, die sondert, gehört für Gott «alles zu der einen von ihm geschaffenen Wirklichkeit» (34). Und das Wort, der Logos, wird Mensch! In Erfüllung der Prophetie: «Das Wort … richtet aus. Es ist Wort-Tat, Wort-Sache und Wort-Geschichte.» Die Zehn Gebote sind Teil von Gottes Vorgehen: «Das lebendige Wort war eine Weile in Stein gemeisselt, bevor es später in die Herzen gelegt werden sollte.» (38)

In der Folge skizziert Veraguth, was er das ganzheitliche hebräische Beziehungsmodell nennt: Herz, Seele, Kraft und Denken. Ganzheitlich ist Gott zu lieben, wie Jesus in Aufnahme des mosaischen Gebots unterstreicht. Hebräische Erkenntnis ist eine existentielle Gottesfurcht. Aus ihr, der Ehrfurcht vor dem Schöpfer, folgt Einsicht in die eigene Endlichkeit, Demut, dann auch Handeln. «Gottesfurcht ist Anbetung, Weisheit und Handeln in einem» (39).

«Sprache ohne Wenn und Aber»
Die zwei Konsonanten, aus denen Grundwörter bestehen, die (bloss) zwei Zeiten und das «Waw» (und), mit dem alles Gesagte auf eine einzige Linie gestellt wird, sind weitere Eigenheiten des Hebräischen, die Veraguth begeistern. Entsprechend scharf fällt sein Urteil über die frühchristlichen Theologen aus, welche die Juden als Ausleger disqualifizierten. «Die Verheissungen für Israel betrachtete die aufkommende Kirche im Römischen Reich als teils erfüllt und teils nicht erfüllt …, jedenfalls aber als gegenstandslos» (65).

«Das hebräische Erkenntnismodell haben die griechisch inspirierten Christen über Bord geworfen und den jüdischen Wahrheitsbegriff umgekippt – um mit den Ersatzmethoden jetzt die ganzen Schriften hebräischer Herkunft und jüdischer Zeugen zu verunglimpfen… Weil der Hebräer zwischen Erinnerung und Zeugnis steht, und weilt er das Wort von der Sache nicht trennen kann, das lokale Ereignis von der prophetischen Dimension, weil er den Schalom vor sich hat und das geteilte Meer hinter sich, wird ihm die griechische Analyse nie gerecht werden» (69). Veraguth schlägt an dieser Stelle, dem Ende des ersten Teils, Theologen ein Gebet vor, um sich von diesen Denkformen zu lösen.

Wortverwandtschaften
Der Autor ist Anhänger der «Zweiradikalentheorie», welche erlaubt, mehr Wörter aufeinander zu beziehen, indem Stämme mit drei Konsonanten als Erweiterung eines Stamms von zwei Grundkonsonanten (Radikalen) begriffen werden. Spürbar fasziniert erläutert er zwölf hebräische Vokabeln mit ihren Bedeutungsfeldern; die pointierten Auslegungen dieser Grundwörter sind begleitet von weiten Ausflügen in die Theologie- und Kirchengeschichte: hinübergehen (Hebräer!), umkehren, gedenken, Zeugnis geben, vertrauen (Amen), erkennen, sich erbarmen (inkl. ruach, Geist), atmen, leben, ganz sein (Schalom) und gerecht machen.

Ob der Ausdruckweise, die theologische Leser als salopp empfinden werden, sollten sie auch bei den Verkürzungen in der Darbietung des immensen Stoffs (auf 169 Seiten unvermeidlich) die Reisen in die hebräische Sprachwelt mitmachen, die Veraguth vorschlägt. Er sucht grundlegende Zusammenhänge offenzulegen und wagt eine konträre Gesamtschau, die zu bedenken ist – umso dringender nach den grauenhaften Auswüchsen, welche die Absonderung der Kirche von ihren jüdischen Wurzeln über die Jahrhunderte und gesteigert seit 1880 hervorgebracht hat.

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