Einheit und kanonische Gestalt des Alten Testaments

Hendrik J. Koorevaar, bis 2012 Professor an der Evangelisch-theologischen Fakultät in Löwen, ist ein Hauptvertreter des «strukturell-kanonischen Ansatzes». Er hat mit Kollegen eine neue Theologie des Alten Testaments verfasst (das ursprünglich holländische Buch erschien 2016 in deutscher Übersetzung). Die Autoren plädieren – anstelle der verbreiteten historisch-kritischen Methode – für einen historisch-kanonischen Ansatz, historisch in dem Sinn, dass er «die historischen Informationen des AT zum Ausgangspunkt nimmt» (50).

Ein Gott, der in die Geschichte eingreift
Zum Wirklichkeitsverständnis schreibt Koorevar: «Gott hat eine dreidimensionale Schöpfung hervorgebracht, die aber auf ihn hin offen ist. Er verfügt über seine Schöpfung und greift in sie ein, wann und wie er will … Im AT finden wir das Eingreifen Gottes in die Geschichte und die natürlichen geschichtlichen Prozesse in einer als selbstverständlich empfundenen Weise durchmischt. Das Natürliche und das Übernatürliche sind ineinander verwoben» (49,51).

Die Autoren wollen die durch historische Kritik postulierte Kluft zwischen Synchronie (Botschaft) und Diachronie (Geschichte) überbrücken. «Das AT stellt sich uns als Einheit vor. Das Problem entsteht da, wo der (historisch-kritische) diachrone Ansatz dem biblischen Selbstzeugnis nicht entspricht. Kombinieren wir dagegen eine theologische Synchronie und eine historisch-kanonische Diachronie, ergibt sich ein faszinierendes Gesamtbild des AT» (55).

Die Botschaft des Kanons
Laut Koorevaar besteht die Kunst darin, «das AT so reden zu lassen, wie das AT selbst es will» (59). Sein Zeugnis sei seit Abschluss des Kanons unverändert. Die dafür Verantwortlichen – so eine Hauptthese des Buchs – «haben theologische und didaktische Schlüssel hinterlassen, anhand derer die Botschaft des AT in einigen wenigen Hauptlinien zusammengefasst werden kann» (64).

Der jüdische Tenach gliedert sich in Tora (Gesetz), Neviim (Propheten) und Ketuvim (Schriften). Die Propheten beginnen mit Josua und schliessen mit Maleachi; die Schriften beginnen mit Ruth und schliessen mit der Chronik. Welches Modell verhilft dazu, die Neviim und die Ketuvim mit der Tora zu verbinden und sie ihr untergeordnet darzustellen? Auf diese Weise würden die zwei letzten Teile ihre «endgültige Bedeutung» erhalten (64). Als Nahtstellen des dreiteiligen Kanons werden 5. Mose 34 (Moses Tod), Josua 1, Maleachi 3 und Psalm 1 untersucht.

Exil und Rückkehr als Klammer-Motive
Die literarischen Grenzmarken führen den Holländer aber dazu, die sog. vorderen Propheten (Josua bis Könige) näher bei der Tora als bei den restlichen Prophetenbüchern anzusiedeln. Damit ergibt sich für Genesis-Könige ein «Priesterkanon», für Jeremia-Maleachi ein «Prophetenkanon», für Ruth-Chronik ein «Weisheitskanon» (74). Laut Koorevaar ist es weniger der Begriff «Tora», der an diesen Nahtstellen die Verbindung herstellt, als Aussagen zu «Exil und Rückkehr» – und zum Königshaus von David.

Das ergibt: «Der Priesterkanon beginnt mit der Ankunft des Menschen auf der Erde und schliesst mit dem Exil. Der Prophetenkanon beginnt mit dem drohenden Exil und schliesst ebenso. Der Weisheitskanon beginnt mit einem ‹freiwilligen› Exil und schliesst mit einem Aufruf zur ‹freiwilligen› Rückkehr» (85).

Aufs Ganze hält Koorevaar als Ergebnis der Forschung der vergangenen Jahrzehnte fest, dass «jedes Buch der Bibel literarisch bewusst entworfen worden ist» (86). Anfang und Ende und die Mitte hätten besondere Bedeutung für ein Buch – und vermutlich auch für den Kanon als Ganzes.

Grosse Themen des ersten Testaments
Nach diesen grundlegenden Kapiteln – die Forschungsgeschichte gehört eingangs dazu – folgt eine Darstellung der strukturellen Einheit von Exodus, Leviticus und Numeri. Darauf behandeln acht Autoren sechs Hauptthemen des AT in den drei Kanones: Schöpfung, Gebote/Gesetz, Sünde, Nachkommenschaft und Berufung Abrahams, Wohnung Gottes und Gottesdienst, Kanaan und der Besitz der Erde.

Zwei abschliessende Kapitel thematisieren die Zeit zwischen den Testamenten und das Neue Testament als «Fortsetzung und Vollendung des Alten Testaments». Das gut lesbare Buch bietet viele Einsichten und gewährt überraschende Durchblicke.

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