Gottes Königsherrschaft und Lebensfülle im Alten Testament

Herbert H. Klement, einer der ersten Studenten der FETA Basel, doktorierte in Oxford, dozierte dann in Leuven und übernahm 2005 die nach dem Tod von Samuel Külling verwaiste Professur. Im Frühjahr 2015 wurde er emeritiert. Freunde, Kollegen und Weggefährten dankten ihm mit einer fast 400-seitigen Festschrift. Sie enthält Beiträge aus den Bibelwissenschaften, der systematischen und der praktischen Theologie.

Was die Autoren-Namen über die Psalmen verraten
Hendrik Koorevaar und Beat Weber gehen auf die Psalmen ein. Koorevar setzt die Namen in den Überschriften in Bezug zum fünfteiligen Psalter als Gesamtentwurf und erhellt diesen mit ihnen. Er macht glaubhaft, «dass die Redaktion davon überzeugt war, die Namenspsalmen stammte wirklich von den betreffenden Männern. Die Träger der Namen waren von besonderer Wichtigkeit, weil ihre Gründungstätigkeit eine bleibende theologische Perspektive bei sich hatte» (39). Zur Redaktion vermutet Koorevar, die abschliessende Gestaltung von Psalter, Chronikbüchern und alttestamentlichem Kanton sei zeitgleich vollzogen worden.

Gerechtigkeit
Stefan Fischer erörtert den alttestamentlichen Begriff der Gerechtigkeit und seine Wandlungen: Recht und Gerechtigkeit als gesellschaftliche Ordnung, Gerechtigkeit als menschliche Verpflichtung, Theologisierung der Gerechtigkeit. Er hält fest, dass Gerechtigkeit mehr ist als das Implementieren von Rechtsordnungen. Gerechtigkeit ist «keine Eigenschaft oder Tugend, sondern eine Handlungsorientierung» (71). Wo die Gerechtigkeit ausbleibt, kommt der Prediger zu einem «weisheitlichen Pragmatismus der Lebensführung»; andere erwarten das Eingreifen Jahwes.

Der Realismus des Predigers
Walter Hilbrands beschreibt die Stellung des Predigerbuchs innerhalb der AT-Weisheitsbücher: die Anordnung im Kanon, Eigenheiten des Vokabulars, das Gottesbild und den Zusammenhang von Tun und Ergehen. Dieser werde durch Beobachtungen und Einzelfälle stark relativiert; der Prediger nehme mit seinem Realismus «zwischen Sprüche und Hiob eine Mittelposition» ein (137). Laut Hilbrands schliessen die Unterschiede zwischen den Büchern eine theologische Komplementarität nicht aus.

«Deine Königsherrschaft komme»
Was bedeutet die Bitte von Jesus im Unser-Vater: «Deine Königsherrschaft komme»? Jacob Thiessen weist eingangs darauf hin, dass nirgends im NT vom «Bau» der basileia die Rede ist. Er untersucht jüdische Quellen auf die erwartete, eschatologische Königsherrschaft Gottes (intertestamental, Qumran, Rabbinen, jüdische Gebete heute) und stellt die Bitte in den Kontext des Matthäus-Evangeliums. «Jesus war sich bewusst, dass mit seinem ersten Kommen die Erfüllung der Verheissungen in Bezug auf die zukünftige ‘Königsherrschaft Gottes’ begonnen hatte, aber noch nicht zu ihrer Vollendung gekommen war» (160).

Frauen in der Bibel
Stefan Felber thematisiert Frauen in der Bibel als direkt und indirekt Angesprochene. «Wie im Alten, so werden auch im Neuen Testament Frauen bevorzugt in der 3., Männer in der 2. Person angesprochen» (182). Er diskutiert «geschlechtergerechte Sprache» in neueren Übersetzungen, namentlich der Zürcher Bibel von 2007. Jakobs 3,1 lautet in ihr: «Es sollen nicht viel von euch Lehrer werde, meine Brüder und Schwestern!» Für Felber passt das nicht. Auch in der 2002 revidierten «Hoffnung für alle» kommen viel mehr «Schwestern» vor. Felber kritisiert auch, dass «Väter» durch «Vorfahren» ersetzt wird.

Die Zürcher Übersetzung lässt in der zentralen Stelle Daniel 7,13 den «Sohn» weg: «Mit den Wolken des Himmels kam einer, der einem Menschen glich». Für Felber ist die für sprachliche Genauigkeit gerühmte Übersetzung «gendergerecht, aber nicht mehr wortgerecht» (193). 

Das Ebenbild Gottes im Überlebenskampf
J. Gordon McConville, einst Doktorvater von Herbert Klement, greift dessen Gedanken zur Gottebenbildlichkeit des Menschen auf. Die imago Dei hebt den Menschen aus allen Lebewesen heraus. Diese Sicht wird mehr und mehr durch die darwinsche verdrängt. Mit Marilynne Robinson und Jürgen Moltmann diskutiert McConville die Implikationen von Darwins Evolutions-Ansatz. Dessen Annahme vom Kampf ums Überleben stehe dem Konzept einer kooperativen Gesellschaft diametral entgegen.

Zum Verhältnis von Wissenschaft und Religion zitiert er John Polkinghorne: «Wie must understand in order to believe, but we must believe in order to understand» (203). Moltmanns Schöpfungsverständnis wird mit Matthäus 6,24 kritisch referiert. McConville fragt, wie der Schöpfungsbericht der Bibel heute zur Geltung gebracht werden kann. «If Christian theology is to confront modern views of reality out of Genesis, it nees to choose its battles carefully!» (211)

Überlegenheitsgefühl
Rolf Hilles Aufsatz über die Bedeutung des AT für die Kirche eröffnet den Reigen der systematisch-theologischen Beiträge. Er konstatiert, dass Gelehrte wie Schleiermacher und Harnack das AT geringschätzten – «aus einem Überlegenheitsgefühl des modernen liberalen Protestantismus» heraus. Wer heute das AT aus dem Kanon ausschliessen wolle, imitiiere Marcion, dessen Lehre im 2. Jahrhundert von der Kirche als Häresie verworfen wurde.

Gegen Falk Wagner und andere begründet Rolf Hille die formale und inhaltliche Kanonizität des AT. Er zeigt seine Bedeutung für die grundlegenden Lehren des christlichen Glaubens (Schöpfung, Mensch, Sünde, Heil in der Geschichte, Rettung), ohne die Unterschiede in der Existenzform von alttestamentlichem und neutestamentlichem Gottesvolks auszublenden. «Ohne das AT hätte die Heilsgeschichte des NT keinen Grund und ohne das NT hätte das AT kein Ziel» (237).

«Verborgenheiten Gottes»
Sven Grosse ergänzt Hilles Beitrag: Das AT beschreibt er als arche, als Anfang, auf den man nicht verzichten kann. Er zitiert Barths Wort vom Knochenschwund, der die Theologie sonst bedroht. «Das, worauf der christliche Glaube sich gründet, ist nicht allein das Endprodukt einer offenbaren und darum satzweise ausdrückbaren Wahrheit, sondern es ist der Prozess des Verborgen-Seins und Sich-Öffnens» (241).

Grosse legt «Verborgenheiten Gottes» im AT dar, das den Menschen ungeschönt zeigt und Unverständliches enthält, Fremdartiges und Schauderhaftes – «eine nicht enden wollende Geschichte der Halsstarrigkeit, des Misstrauens und des Ungehorsams» Israels. Erst im NT wird die Spannung gelöst. Im Mittelalter fand man das Bild der «mystischen Mühle».

Gnostische Verwüstung
Armin Siersyzn zeichnet «die Botschaft des Alten Testaments als Befreiung aus gnostischer Verwüstung». Die Aufklärung beschränkte gültige Wirklichkeit auf den Bereich des menschlichen autonomen Bewusstseins – ein gnostischer Denkansatz, der dem Gott der Bibel keine Offenbarung zugesteht, keinen Handlungsspielraum lässt. Für Lessing entstammte das AT dem «rohen und im Denken ungeübten israelitischen Volk». Der Bibelkritik Semlers steht Calvins Diktum entgegen: «Die Heilige Schrift trägt ihre Beglaubigung in sich selbst, und ihre Autorität darf nicht auf vernünftige Schlussfolgerungen gegründet werden …»

Auf Lessing, Semler und Herder folgte Schleiermacher, dem das AT für die Dogmatik «nur als eine überflüssige Antwort» erschien. Harnack forderte hundert Jahre später, das AT aus dem christlichen Kanon auszuscheiden. Doch, wie Sierszyn formuliert: «Mit dem Verzicht auf den heiligen Gott des AT kann sich die christliche Kirche auch den sühnenden und versöhnenden Gott am Kreuz schenken» (285). Er zieht die Linie über die Deutschen Christen und die Bekennende Kirche aus zu politischer, feministischer und Gender-Theologie.

Gnostische Spiritualität ist für ihn ein «roter Faden von Semler bis ins 21. Jahrhundert». Zwangsläufig eignet ihr ein Nein zur Heilsgeschichte und damit eine «mehr oder weniger krasse Kritik am AT». Mit Hans Joachim Schoeps und Georg Huntemann sieht Sierzsyn bei modernen Strömungen baalistische Züge. «Wie einst Irenäus gegen die Gnosis, so hat auch heute die christliche Theologie durch den entschlossenen Einbezug des AT gegen gnostische und baalisierende Irrwege zu kämpfen» (301).

Israel – keine Theokratie
Harald Seubert seziert und widerlegt Jan Assmanns These vom intoleranten Monotheismus, von der «latenten Gewalttätigkeit der Unterscheidung zwischen ‘wahrer’ und ‘falscher’ Religion. Eine These, die dem Zeitgeist so sehr entsprochen habe, dass sie weitherum unkritisch aufgenommen wurde, etwa von Peter Sloterdijk. Seubert weist die These zurück, weil sie «die Bindung an Gebot und Gesetz und die damit einhergehende Hegung von Gewalt im Gottesglauben des AT» übersieht.

Das Königsgesetz in Dtn 17 sieht, wie Herbert Klement hervorhob, keine herrschende Schicht vor; der König, der im Namen von Jahwe herrscht, soll alle Tage die Tora lesen, unter der er steht. So ist der Despotie gewehrt. «Die Grenze zwischen Gott und dem König ist unwiderruflich festgelegt. Eine Theokratie ist undenkbar» (312). 

Naturrecht!
Nach einem Exkurs zu Platon kommt Seubert vom Königsrecht Gottes zum Naturrecht, dem ein Gottesbezug inhärent ist, da ein Urheber der Ordnung des Zusammenlebens gedacht werden muss. «Ohne das Fundament des Naturrechts wäre alles Willkür.» Er beschreibt mit Cicero und Thomas von Aquin Grundzüge und Ausformung des Naturrechts. Es beruht auf der «Einsicht, dass Natur selbst von der von Gott ausgehenden Vernunft geleitet und bestimmt ist», und unterscheidet zwischen dem Naturgemässen und dem Naturwüchsigen.

Für Seubert zeigt der Bund Gottes mit seinem Volk, aber auch die griechische Philosophie, «dass nicht in der verwirrenden, gegeneinander stehenden Vielheit eines … Pantheons, sondern im wohlverstandenen Monotheismus die Verbindung zu Vernunft und dem Guten, aber auch zur freien menschlichen Personalität liegt» (320). Daher zeige gerade der Monotheismus, «wie es möglich ist, Machtverhältnisse zu begründen, die nicht in Gewaltzerstörungen münden».

Hegel habe die (von Habermas und Assmann vertretene) Auffassung vom uneingeschränkt guten Menschen als Irrtum der Moderne bezeichnet. Der Religionsphilosoph greift abschliessend René Girards Mahnung auf: «dass die Menschheit, die meine, im Namen der Aufklärung den christlichen Glauben beiseite legen zu müssen, damit jene Quelle versiegen lassen wolle, aus der ihre Rettung kommt».

Das AT für die christliche Gemeinde
Zwei praktisch-theologische Beiträge und ein religionswissenschaftlicher Aufsatz runden den Band ab. Armin Mauerhofer erläutert, wie über alttestamentliche Texte gepredigt werden kann. «Den Schlüssel, wie die neutestamentliche Gemeinde mit dem AT umzugehen hat, bildet Jesus Christus. Auf ihn weist das AT hin, und nur von ihm her kann es verstanden werden» (329).

Mauerhofer redet der typologischen Auslegung das Wort, die den historischen Gehalt des Textes ernst nimmt, und nimmt die verschiedenen Textgattungen in den Blick. Seine Erfahrung: «Die Auslegung alttestamentlicher Texte ist im Blick auf die gesunde Entfaltung einer Gemeinde unerlässlich.» Doch dies geschieht nicht überall in angemessener Weise. Stefan Schweyer reflektiert die Verwendung des AT in freikirchlichen Gottesdiensten mit der Frage: «Mehr als Rosinenpickerei?»

Antisemitismus im Islam
Jürg H. Buchegger fügt einen aktuellen religionswissenschaftlichen Beitrag an: Anhand des Umgangs Mohammeds mit den Juden und der Verbreitung des Antisemitismus unter Muslimen heute stellt er sich gegen die Behauptung, Antisemitismus habe mit dem wahren Islam nichts zu tun. Die islamischen Verbände in unseren Breitengraden sollten ihre Geschichte des Antisemitismus selbstkritisch unter die Lupe nehmen.

Zurück zum Haupttext