Mose als Ausleger der Tora

In der AT-Wissenschaft nach der historisch-kritischen Methode wurde und wird 5. Mose (Deuteronomium: Dtn) als Werk von Jerusalemer Theologen des 7. Jahrhunderts (Josias Reform, 2. Könige 22!) gesehen; die Bücher Exodus (Ex), Leviticus (Lv) und Numeri (Nu) mit ihrem Hauptelement, dersog. Priesterschrift werden dagegen ins 6. und 5. Jahrhundert datiert. Diese eine Annahme schafft komplizierte Probleme.

Laut Kilchör ist es viel einfacher und einleuchtender, die Mosetora (Dtn 12-26) als «Auslegung oder Revision der Jahwetora» (Ex-Lv-Nu) zu lesen. Sämtliche Texte von Dtn 12-26 werden unter dieser Annahme erörtert. Ergebnis: Mose ist «Ausleger» oder «Anwender» der Jahwetora, «aber nicht, indem er die Jahwetora wörtlich wiederholt, sondern indem er sie auf das Leben im verheissenen Land hin erläutert und an vielen offenen Stellen im Geiste der Jahwetora weiterführt» (13).

Kilchör weist auf unsolide Argumentationen und in sich widersprüchliche Ergebnisse in der Forschung hin; so wertete es Levinson 1997 als «Ironie», dass die Redaktoren des Pentateuchs sowohl Ex 20-23 als auch Dtn 12-26 aufnahmen, obwohl Dtn doch Ex «zu ersetzen und zu verdrehen (subvert)» versucht habe. (22).

Kilchör untersucht auf 200 Seiten alle Teile von Dtn 12,2-26,15 entlang den Zehn Geboten von Ex 20. Er zieht die lutherische/katholische Zählung der Zehn Gebote der orthodoxen/reformierten vor, da sie die Unterschiede zwischen Ex 20 und Dtn 5 besser erkläre (52f). Die Aussage «Ich bin Jahwe, dein Gott» wird besser als das Vor-Wort, als Grundlage aller zehn Gebote verstanden – ihr entspricht in Lv 19 «Ich bin Jahwe» (53).

Der sprachwissenschaftliche Vergleich zeitigt laut Kilchör ein eindeutiges Ergebnis: «ein Abhängigkeitsgefälle …, in dem das deuteronomische Gesetz der nehmende Teil ist.» Wo sich für einen Dtn-Text mehrere Paralleltexte in Ex-Nu finden, «zeigt es sich, dass im deuteronomischen Gesetz stets die anderen Texte kombiniert werden» (271). Und: Ex 21-23, das sogenannte Bundesbuch, dient Dtn als Leittext: «Die Behandlung der Themen und die Gedankenführung gehen somit vom Bundesbuch aus» (272). Dtn nimmt überdies Texte aus Ex 12, 13 und 34 auf.

Kilchör sieht zwischen Lv 1-16 und Dtn viele Berührungspunkte: Abgesehen von Lv 12 und 16 (Anweisung an Aaron!) zeige Dtn «mehr oder weniger deutliche Kenntnis» der Lv-Kapitel. Die an die Priester gerichteten Kapitel Lv 17-27 werden in Dtn 12-26 (ans Volk gerichtet) kaum aufgenommen (275). Er folgert, «dass das deuteronomische Gesetz den Zusammenhang von Ex, Lv und Nu ungefähr in der Gestalt, in der das Material uns heute verfügbar ist, voraussetzt».

Die älteren Texte werden «nicht bloss punktuell verwendet»; die priesterliche Gesetzgebung (Lv 1-27) dürfte bei der Abfassung von Dtn vorgelegen haben. «Das deuteronomische Gesetz zielt nicht auf vollständige Repetition und Einarbeitung des verfügbaren Materials, sondern greift nur heraus, was in seinem Fokus liegt» (277).

Ein kürzerer Schlussabschnitt ist der Rechtshermeneutik von Dtn 12-26 gewidmet: Werden da frühere Bestimmungen ersetzt und ergänzt? Aufschlussreich ist das Sondergut (immerhin 53 Prozent der Verse). «Alte Gesetze werden … insbesondere unter dem Aspekt der Landnahme, bzw. Landerweiterung, ausgedeutet und generelle Gesetze werde durch ins Spezifische gehende Sonderregelungen erweitert. Das deuteronomische Gesetz hat durchwegs anpassenden und erweiternden Charakter» (317).

Die Struktur der Zehn Gebote scheint auch in Dtn durch. Und Lv 19 und Ex 34 sind wichtig für die Mosetora.

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