Für ein neues Paradigma in der Pentateuch-Forschung

Der rationalistische Zugang zur Bibel führte im 19. Jahrhundert zu hochfliegenden Theorien über die Entstehung der Bücher des Alten Testaments. Wellhausens Theorie stellte die Chronologie auf den Kopf. Georg Fischer fordert an der Basler Tagung (16.-18. März 2017) neue Zugänge, um die Texte multiperspektivisch wahrzunehmen. Richard Averbeck will die Vätergeschichten in Genesis (Gen) besser verstehen. Voraussetzung dazu ist Achtsamkeit für die literarischen Konventionen des Alten Orients. Die Patriarchen sollten als «nomadische Scheichs» gesehen werden.

Matthias Amgardt fordert als Rechtshistoriker einen Paradigmenwechsel. Die Fluchandrohungen in 5. Mose (Dtn) 13 und 28 ähneln nicht – wie 1965 behauptet – einem Vasallenvertrag des assyrischen Grosskönigs Esarhaddon mit Medern aus dem Jahr 673. Vielmehr stehen sie Formeln von juristischen Texten nahe, die teils ein Millennium früher verfasst wurden (Codex Hammurapi)! Nach Kenneth Kitchen gehören die Berichte über die Bundesschlüsse im Pentateuch strukturell unzweifelhaft ins zweite vorchristliche Jahrtausend. Er folgert, dass die Beweislast bei denen liegt, die eine späte Datierung der Berichte behaupten.

Joshua Berman hinterfragt den Sinn der Quellenscheidung anhand eines Paradebeispiels, des Sintflutberichts (Gen 6-9), und findet in ihrem Ansatz neun Mängel. Vor allem kreiert die Theorie den Text, statt sich von ihm bestimmen zu lassen. Berman betont die überraschende Parallelität des Gesamtberichts – aber nicht der behaupteten Quellenstränge – mit dem Gilgamesch-Epos.

Koert van Bekkum untersucht die Texte über die Offenbarung Jahwes (Ex 3 und 6) als Bindeglied zwischen den Patriarchen und Mose. Er versteht die Kapitel als «Teil eines Netzwerks von Beziehungen, die eine narrative Einheit mit grosser Diversität und unglaublicher historischer Tiefe kreieren, von welcher Quellen zu sondern schwierig ist». Der Gott der Patriarchen ist an der Gott Moses. Wären die Traditionen nicht von Beginn an in eins geflossen, wie und wann wären sie verbunden worden?

Hendrik J. Koorevaar gibt Kriterien zur Datierung des Pentateuchs. Er beleuchtet die widersprüchlichen Argumente für und gegen das Zusammengehören von Pentateuch, Josua und den Samuel- und Königebüchern. Die von Julius Wellhausen um 1880 aufgebrachte Quellenhypothese (Jahwist, Elohist und Priesterschrift als Quellen des Pentateuchs, Redaktion erst viele Jahrhunderte später) habe den Blick auf die Grundfrage nach der Originalität der fünf Bücher vernebelt, findet Koorevar.

Zum Zusammenhang mit den folgenden Büchern stehen heute drei Ansätze im Raum: a) Nach der jüdischen Tradition sind die fünf Bücher die Tora, grundlegend für das Ganze der Heiligen Schriften. b) Gehört Josua zum Pentateuch, weil über die Landverheissung erst geschrieben werden kann, wenn sie sich erfüllt hat? Oder bilden c) alle Bücher bis zu 2. Könige (ohne Ruth) ein Riesenwerk, von einem einzigen Autor komponiert? 2. Könige schliesst ja mit dem Verlust des Landes!

Koorevaar pflegt einen historisch-kanonischen Zugang, der auf die Markierungen in den Büchern selbst achtet. Mit Julius Steinberg sieht er Josua bis 2. Könige literarisch auf den Pentateuch bezogen, aber im Rang abgesetzt. Die einzigartigen Anfangsformulierungen von Leviticus und Numeri führen ihn zum Schluss, dass die drei mittleren Bücher des Pentateuchs eigentlich eines sind – daher spricht er von einem Triptychon: Urgeschichte und Väter (Genesis), Jahwe-Tora (Ex, Lv, Nu, Begriff nach Kilchör) und Mose-Tora (Deuteronomium). Dies ergibt eine Siebner-Struktur: drei Bücher offenbarte Tora, vier Bücher (Josua, Richter, Samuel, Könige) in der Geschichte Israels erwiesene Thora.

Was die Datierung generell betrifft, wendet sich Koorevaar gegen die – jedenfalls im deutschen Sprachraum – weithin herrschende Neigung, die Erfüllung von Prophetien als Voraussetzung für die Niederschrift anzunehmen. (Das führt auch zu einer Datierung des Danielbuchs ins 2. Jahrhundert.) Denn dies widerspreche «common human experience»: Warum sollten Menschen nicht hoffnungsvolle Erwartungen, die sie für die Zukunft hegen (oder in dem Fall als Propheten empfangen), gleich aufschreiben?

Die Genesis schliesst mit dem Auftrag des sterbenden Josef an die Brüder, seine Gebeine dereinst ins verheissene Land mitzunehmen. Dies ist laut Koorevaar nicht als Beleg für eine Abfassung nach der Landnahme zu nehmen.

Zu der immer noch vorherrschenden Spätdatierung alttestamentlicher Bücher (Niederschrift viele Jahrhunderte nach dem beschriebenen Ereignis) schreibt der Alttestamentler: «Viele Forscher können oder wollen sich nicht vorstellen, dass die grosse Dokumentenhypothese, über zwei Jahrhundert von so vielen Gelehrten verteidigt, hätte komplett falsch sein können.»

Koorevaar schlägt generell fünf Schritte zur Datierung eines Buchs vor: a) das letzte beschriebene Ereignis datieren; b) alle Hinweise auf die Lebenszeit des Autors ernst nehmen; c) Land und Abfassungsort identifizieren; d) zeitbezogene Bemerkungen auswerten; e) Gründe und Motive des Autors für die Niederschrift zu eruieren suchen.

Lina Petersson hat untersucht, ob die Syntax von Verben in der (hypothetischen) Priesterschrift, die von ihren Verfechtern auf das 6.-5. Jahrhundert datiert wird, entsprechend eine späte Sprachstufe des Hebräischen (wie in Esra und Nehemia) anzeigt. Die Antwort ist: Nein! «The syntax of the verb in the Priestly narrative of the Pentateuch reflects Standard Biblical Hebrew usage.» Auf die Arbeiten des massgebenden jüdischen Forschers Avi Hurvitz gründet Petersson den Schluss, dass nicht (wie von Wellhausen 1878 behauptet) von einem archaisierenden Stil eines späten Autors die Rede sein kann.

Benjamin Kilchör befasst sich mit der Post-Datierung der Priesterschrift gegenüber dem Deuteronomium (6.-5. Jahrhundert – 7. Jahrhundert) – dem Hauptelement von Wellhausens Theorie. Er widerlegt zwei der fünf Punkte, die jener anführte: den Kultort und die Priester und Leviten.

Abschliessend beklagt Kilchör, dass Infragestellungen von Wellhausens Modell es nicht erledigt, sondern eher zu ausgeklügelten Versuchen geführt haben, es gegen Kritik immun zu machen, namentlich mit der sogenannt redaktionsgeschichtlichen Methode. Er sieht sich zur Frage genötigt, ob wegen Wellhausen durch die P-Datierung «das ganze Programm der Pentateuchforschung in den letzten 150 Jahren auf dem falschen Gleis lief».

Die Annahme, dass die Priesterschrift erst zur Zeit des babylonischen Exils oder später entstanden sei, habe die Forschung in eine Sackgasse geführt. Solange dieser Ansatz beibehalten werde, können laut Kilchör alle anderen Texte der Mosebücher und des AT überhaupt ihren richtigen Platz nicht finden.

Im Zentrum der sogenannten Priesterschrift steht die Stiftshütte, die Anweisungen zu ihrem Bau, Ausführung und Einweihung (Ex 25-40). Alttestamentler behaupten, das Zelt habe nie bestanden, sondern sei nach dem babylonischen Exil fingiert worden, um im Nachhinein den Tempel in Jerusalem zu rechtfertigen. Jan Retsö kritisiert die daraus folgende Rückprojektion von Einzelheiten des Jerusalemer Baus auf das Zelt.

So gibt der Text nicht her, dass der Vorhang (hebr. paroket) das Allerheiligste als Raum vom Heiligen abtrennte. Vielmehr sei er an vier Pfosten aufgehängt worden, um die Bundeslade im (ungeteilten!) Zelt den Blicken von allen Seiten zu entziehen. Mit weiteren Überlegungen zeigt Retsö auf, dass ein israelitischer Autor nach 600 kaum ein solches Heiligtum hätte imaginieren können. Zudem gibt es in der Priesterschrift keine Andeutung von der Zerstörung des Tempels 586. «Eine vorurteilslose Lektüre zeigt, dass das Heiligtum von P unabhängig von der Jerusalem-Tradition ist.»

John S. Bergsma zeigt auf, dass wenn im Pentateuch ein bestimmter Ort als künftiger Kultort angesagt wird (Dt 12,5), keineswegs der Tempelkult in Jerusalem im Blick ist (vgl. Sichem, Josua 24). Jerusalem kommt in den fünf Mose-Büchern überhaupt nicht vor! Am Ende (Dtn 33,17) besonders deutlich liegt die Hauptverantwortung für Israels Zukunft auf den Joseph-Stämmen Ephraim und Manasse, nicht auf Juda. Nach 500 konnten sich die Samaritaner für ihr Heiligtum auf dem Garizim mit mehr Recht auf den Pentateuch berufen als ihre judäischen Rivalen.

So folgert Bergsma: «Der Versuch, den Pentateuch als redaktionelles Produkt von judäischen Priestern des Zweiten Tempels zu lesen, die den Jerusalemer Tempel und seinen Kult zu legitimieren suchten, muss aufgegeben werden.» Dass die Kontroverse zwischen Juden und Samaritanern gar nicht vorkommt, weist ebenso auf eine frühere Entstehung des Pentateuchs hin wie die Tatsache, dass die Propheten der Krisenzeit sich auf ihn bezogen.

Das Buch Deuteronomium wird von Alttestamentlern in die Zeit des Königs Josia verlegt: Damals wäre nicht die Rolle im Tempel gefunden, sondern erst danach verfasst worden. Sandra Richter zeigt in einer Studie zu Münzen und Wirtschaftsbeziehungen in Deuterononium viel einfachere wirtschaftliche Verhältnisse auf. Wie hätte ein Autor in der persischen Epoche Verweise auf die hochkomplexe Ökonomie seiner Zeit weglassen wollen oder können? Der Kern des Buchs, so Richter, hat ein ökonomisches Profil aus der frühen Eisenzeit!

Carsten Vang entkräftet die Annahme, die Vorschriften für den König in Dtn 17 seien geschrieben worden, um Auswüchsen wie jenen von König Salomo zu wehren. Es geht in diesem Abschnitt nicht um eine Kritik an Herrschern der Königszeit (wie Propheten sie übten), sondern um eine Absage an orientalische Herrscher-Ideale mit ihren Machtsymbolen. Am meisten Sinn macht der Abschnitt laut Vang in einer Zeit vor der Einführung der Monarchie (1050).

Jeremia 34 berichtet den Wortbruch an den freigelassenen Sklaven Jerusalems. Wellhausen behauptete, in Vers 14 sei das Jubeljahr (Lv 25) unbekannt. Kenneth Bergland macht glaubhaft, dass Lv und Dtn 15 für Jeremias Bericht vorausgesetzt werden müssen.

Eckart Otto plädiert dafür, Deuteronomium als Gesetzes-Abschluss und «prophetisches Finale» des Pentateuchs zu sehen. Nachdem die Theorie Wellhausens (Yahwist und Elohist, dann Priesterschrift) sich überlebt habe, sei es nun Zeit, das fünfte Buch Mose aus seiner «babylonischen Gefangenschaft» (als erster Teil eines in der babylonischen Zeit konzipierten Geschichtswerks mit Josua, Richter, Samuel und Könige) herauszuholen. Deuteronomium sei dem Pentateuch, der zuvor amputiert wurde, zurückzugeben.

Wie Kilchör sieht Otto das fünfte Buch als Moses Interpretation der am Sinai gegebenen Tora (Ex und Lv). Das Deuteronomium (34,10!) zeigt Mose als Hauptpropheten und Modell für alle Propheten der hebräischen Bibel: Nach ihm sind sie gebunden an die torah, die er den 12 Stämmen vermittelte und auslegte; «und ihre Prophetien werden Auslegungen der torah in den neuen und sich wandelnden Umständen von Israels Leben im Verheissenen Land und in der Diaspora sein». Die scharfen Warnungen und Fluchprophetien am Ende des Buchs (v.a. 31,16ff) sind aufgehoben im Lied des Mose (32,36ff).

Der eingehende Vergleich von Lv 26 und Dtn 28 (Segen und Fluch) erbringt laut Markus Zehnder eine «beträchliche thematische Überschneidung», doch bei geringen sprachlichen Ähnlichkeiten. Zehnder vermutet die zeitliche Priorität von Lv. Die Schriftpropheten bezogen sich auf beide Abschnitte.

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