Psalmen für unser geistliches Leben

Bedeutsam sind im Werkbuch Psalmen III die Schluss-Überlegungen zu «Menschenwort, Gotteswort und Gottesvolk». Ein Flug durch die Zeiten zeigt die Wirkung des Psalters im Judentum und in der Kirche – gerade bei den Reformierten, für deren Spiritualität der «Genfer Psalter», die reimende Nachdichtung und Vertonung aller Psalmen mit gut singbaren Melodien, wegweisend wurde. «Für Calvin waren die Psalmen der Schlüssel zum Verstehen des rechten Gottesdienstes, zum rechten Verhalten der von Gott Erwählten und zur Gesprächsbeziehung mit Gott» (274).

Zugangsoffen, aktuell, dialogfähig
Für die Gegenwart betont Beat Weber, was für den vielstimmigen Psalter (noch mehr als für andere Bücher der Bibel) gilt: dass er «unterschiedliche Zugänge … in unterschiedlichen Zeiten und Kulturen offenhält» (278). Menschen finden in den uralten Texten «ihre Existenz gespiegelt»; dazu trägt die ungeschminkte, ungeschönte, emotionale Sprache bei. Weber sieht die Psalmen als «Ausschnitte von geschehener Kommunikation». Sie erhielten diese und führten immer neu in Gespräche hinein, insbesondere ins Gespräch mit Gott.

In alledem ist der Psalter als Einheit zu verstehen und zu erfassen. Mit ihr ist «die Zugehörigkeit zur Heiligen Schrift und damit der Charakter als Gottes Wort ausgedrückt», schreibt Weber: «Zur Einheit und Ganzheit gehört Autorität und Verbindlichkeit, gehört Identitätsstiftung und der Verweis auf das zum Psalter gehörende Gottesvolk.»

Wort zu Gott – Wort von Gott
Allerdings ist das Übersetzen in heutige Kontexte gerade deswegen anspruchsvoll – wegen der «engen Verschlungenheit von Volks-, Gottes- und Selbstbezug» und der Selbstverständlichkeit der Religion, selbst wenn Gott als abwesend erlebt wird. Die Fremdheit und Abständigkeit der Psalmen ist zu bewahren; sie dürfen, so Weber, nicht domestiziert werden.

Der erfahrene Pfarrer gibt Tipps, wie die Psalmen in der Gemeinde vermittelt werden können. «Die Psalmen als Poesie haben ihren primären Ort in der Liturgie (Lesung, Gebet, Gesang), der Psalter als unterweisende Erzählung dagegen eher in Verkündigung, Lehre und Unterricht» (282). Die Wortbilder der Psalmen – «die ersten Formen der Sichtbarwerdung des Psalters» – können meditiert und künstlerisch gestaltet werden.

Wer mit Psalmen betet, darf es tun mit Jesus als «davidisch-messianischem Beter: Er leiht uns in und mit den Psalmen sein Wort, in welchem er zu uns spricht und wir zugleich im identifizierenden Nachbeten oder -singen der Psalmen unsere Worte zu ihm bringen dürfen. Weil es zugleich seine Worte sind, sind sie ‹recht› gesprochen und dürfen mit Erhörung rechnen» (285). (Der Autor hat einen vierten Band zur seelsorgerlichen Relevanz der Psalmen vorgelegt.)

Am Ende schreibt Beat Weber: «Auch Stille und eine bewusste Redaktion der Sinnhaftigkeit können den Boden bereiten, dass die Psalmen in und mit ihrer Schönheit, Ausdruckskraft und Botschaft (neu) zum Sprechen kommen.»

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