Lektionen aus Esra und Nehemia für Erweckung und Reformation

Thomas Bänziger erhellt in seinem leicht lesbaren Buch durch die präzise Auslegung und Zusammenschau von Texten (inkl. Diskussion schwieriger Stellen) und durch Infos zu geschichtlichen Kontexten eine Zeit, die selten prägnant dargestellt wird. Zudem werden Schlüsse für «Erweckung und Reformation» der Kirche heute gezogen – und mit persönlichen Erlebnissen verbunden.

Thomas Bänziger, mit seiner Frau Katharina seit 2015 Leiter der Schleife Gemeinschaft in Winterthur, erzählt eingangs, wie er an Krebs erkrankte und an einem geplatzten Blinddarm litt. Als er an der Wiederherstellung seines stark verletzten Daumens zweifelte, forderte ihn der Chirurg auf, daran zu glauben. Und so nahm sie wieder Fahrt auf.

Startschuss durch den Perserkönig
Im Buch geht es um Wiederherstellung in der Bibel. Durch das Dekret des persischen Grosskönigs Kyros («Initiant des neuen Exodus») für den Bau eines Gotteshauses in Jerusalem erfüllen sich die 70-Jahr-Prophetien Jeremias und Daniels. Die Personenlisten zeigen: «Jeder Einzelne ist von Bedeutung.»

Bänziger skizziert die vier Phasen der Wiederherstellung; den Höhepunkt bilden die abschnittweise Verlesung und Auslegung der Tora – Vorbild zugleich für Wortgottesdienst und Kleingruppenarbeit – und die Erneuerung des Bundes (Nehemia 8-10). Bänzigers Appell: «Lesen wir die ganze Bibel – und zwar das ganze Buch, nicht nur unsere Lieblingspassagen!»

Der Altar zuerst
Als Erstes – vor dem Tempel – wird von den Zurückgekehrten der Altar wiederaufgebaut und darauf geopfert. Der Altar (der das Erlösungswerk von Jesus vorschattet) steht am Beginn der Erneuerungsbewegung. Der Bau des zweiten Tempels (Esra 3) wird in Parallele zum ersten unter Salomo gesetzt; dabei treten auch die Unterschiede hervor: Das Land ist persische Provinz; die Herrlichkeit Gottes nimmt nicht Wohnung.

Bänziger zieht die Linie von Salomo zu Jesus, zur Azusa Street 1906 und zu eigenen Erlebnissen aus. Im Blick auf Gemeindeaufbau heute hebt er hervor, dass mit dem bereitgestellten Material gearbeitet wird. Nach Esra 5,5 dürfen wir darauf vertrauen, dass Gottes wohlwollendes Auge über unserem Bemühen wacht.

Äussere und innere Mauer
In Esra 7 beginnt der Bericht über Esras Tätigkeit, 57 Jahre nach der Einweihung des Tempels im Jahr 515 v.Chr.. Bänziger weicht dem heutigen Unverständnis über die Entlassung fremder Frauen nicht aus; er sieht darin das Anliegen, den Bund zu bewahren.

Der Bau der Stadtmauer unter Nehemia dient dem Ziel, die Stadt als ganze vom Umland für Gott abzusondern. «Die äussere Mauer aus Stein und die innere Mauer der Tora stehen in einem Zusammenhang»; wie das Ringen um die Einhaltung des Sabbats zeigt. Für ein reformatorisches Wirken in der Gesellschaft, in all ihren Bereichen, schlägt Bänziger eine Balance zwischen theologia crucis und theologia gloriae vor.

Propheten und Bundesschlüsse
Weitere Kapitel behandeln den Umgang mit Widerständen, das Gebet als Schlüssel im geistlichen Ringen (inkl. stellvertretende Busse) und die Bedeutung der Propheten Haggai und Sacharja (Esra 5,1; 6,14). Auch da thematisiert Thomas Bänziger aktuelle Fragen der Forschung; Sacharja 6,13 legt er auf die Ämter Jesu aus.

Die Bundesschlüsse von Esra 10 und Nehemia 10 zeigen den Willen, «die Schrift in der eigenen Zeit anzuwenden». Der Autor bespricht die Zeichen der Bundesschlüsse und lädt ein, im Bewusstein von Bundesbeziehungen zu leben.

Feste fürs ganze Volk
Highlights der Wiederherstellung sind Feste nach mosaischem Gebot. «Das Esra-Nehemia-Buch umfasst ein liturgisches Jahr von Sukkot über Pessach zu Sukkot» – mit Bezügen zur Landnahme unter Josua. Diese erfolgte 40 Jahre nach dem Exodus, die Wiederherstellung Jerusalems in zwei Generationen (um 520, nach 460).

Den Anschlag aufs jüdische Volk in der Zwischenzeit, den das Buch Esther berichtet, parallelisiert der Autor mit der Shoa, die zwischen zwei Generationen der Alija verübt wurde. Und weiter: Ihn dünkt aufgrund von Römer 11, «die Wiederherstellung von Israel werde einen positiven Einfluss auf die ganze Welt haben».

Zweideutiger Buchschlus
Wie weit reicht die Wiederherstellung? Die Judäer bleiben Untertanen des persischen Grosskönigs; es kommt zum Bundesbruch (erneute Mischehen – sogar in der Familie des Hohepriesters). Mit Herbert Klement sieht Thomas Bänziger im zweideutigen Schluss einen Hinweis auf die «Zerbrechlichkeit des Neuanfangs» – in verdeckter Erwartung einer künftigen Heilszeit mit noch umfassenderer Wiederherstellung. Als christlicher Theologe stellt er sich in die Linie: «Wir tragen die grösste Hoffnung in uns: Wir kennen den, der alles wiederherstellen wird!»

Viele der Kapitel münden in Fragen, die sich für Hauskreise eignen. Der Text schliesst mit Thesen, der Epilog mit einem Gebet um Erweckung. – Ein bezugsreiches, wissenschaftlich fundiertes, gut lesbares und mit persönlichen Erfahrungen angereichertes Studienbuch, das den wenig beachteten Teil der Bibel aufschliesst und uns Hoffnung schenkt.
 

«Jauchzen und Weinen»:
Ambivalente Restauration in Jehud

Wie können die Bestrebungen zum Wiederaufbau des Landes Juda nach der babylonischen Gefangenschaft verstanden werden? Schildert das Esra-Nehemia-Buch eine «Wiederherstellung»? Thomas Bänziger nimmt in seiner Doktorarbeit (2014 publiziert) diese Fragen auf. Er sieht eine Ambivalenz darin, dass das Buch «die beschriebene Epoche durchaus als Zeit der Wiederherstellung wahrnimmt». Doch wird die Zeit «nicht als Idealzeit gedeutet und das Geschilderte nicht als vollumfängliche Erfüllung von gehegten Hoffnungen auf Wiederherstellung dargestellt» (13).

Die vier auf die Darlegung der Forschungsgeschichte folgenden Kapitel behandeln zentrale Aspekte des Esra-Nehemia-Buchs. Als erstes wird die Erneuerung des Bundes (Nehemia 8-10) untersucht. Das Volk verpflichtet sich neu auf den Sinaibund. Er ist «immer wieder neu gefährdet». Die beiden Bussgebete (Esr 9, Neh 9) appellieren an die Treue Gottes. Dieser hat dem Volk ein «Aufleben» geschenkt, doch die Zeit wird noch als Knechtschaft empfunden (123).

Zweitens fragt Bänziger, ob die Bezüge zum Auszug aus Ägypten und zur Landnahme eine Aktualisierung der Heilsgeschichte bedeuten. Der Bezug zum mosaischen Gesetz, zur Tora, lädt ein, die Geschichte der Restaurationsperiode als «Heilsgeschichte» zu lesen. Dies legen auch die Parallelen zwischen doppelten Heimkehrerlisten (Esr 2, Neh 7) und doppelten Volkszählungen (Nu 1 und 26) nahe. Mit Sara Japhet denkt Bänziger, dass die erste Heimkehrergeneration der Generation von Mose und Aaron, die zweite jener unter Eleasar und Josua gegenübergestellt wird. «Wie Mose bzw. Josua sich an die ’Landnahmegeneration’ gerichtet haben, so liest auch Esra die Tora einer Generation vor, die zu Beginn einer neuen Landnahme steht» (196).

Erfüllt sich im Neubeginn die Heilsprophetie von Jeremia? Nur bedingt, urteilt Bänziger, der die von ihm prophezeiten 70 Jahre des Exils thematisiert. Von Daniel wird die kommende Heilszeit «um den Faktor sieben verzögert». Für den Autor findet sich in Esra-Nehemia nicht eine «pointierte eschatologische Sicht», doch werde eine messianische Herrschererwartung nicht gänzlich ausgeschlossen.

Viertens widmet sich der Autor dem Wiederaufbau von Tempel und Mauer. Der erfolgreiche Mauerbau nimmt die Schmach von Juda weg. «Die endgültige Heilung und Wiederherstellung, die endgültige Sicherheit, findet Israel aber nicht allein in äusseren Mauern, sondern Gott selber will eine feurige Mauer um sein Volk sein (vgl. Sach 2,9)» (279). Jauchzen und Weinen (Esr 3,12) durchziehen das Buch – der Tempel bringt die erhoffte Heilszeit noch nicht herbei. Das Buch zielt auf «eine Leserschaft, welche die Gefährdung der Vermischung noch nicht überwunden hat und immer noch der Gefahr eines Rückfalls gegenübersteht» (286).

Die Dissertation diskutiert Publikationen aus dem angelsächsischen Raum und kombiniert sie mit deutschsprachigen Ansätzen. Für Bänziger ergeben sich starke Argumente für die Einheit des Esra-Nehemia-Buchs.

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