Josef Ratzinger: Historischer Zugang UND Hermeneutik des Glaubens

Im Vorwort zum zweiten Band über Passion und Auferstehung (2010) verdeutlicht Josef Ratzinger, der emeritierte Papst Benedikt XVI., seine Absicht: die Hermeneutik (= Lehre des Verstehens) der historisch-kritischen Methode mit einer Hermeneutik des Glaubens zu verbinden. Nur so entgehe die wissenschaftliche Schriftauslegung der theologischen Belanglosigkeit. Die positivistische Hermeneutik sei «der Korrektur und der Ergänzungen fähig und bedürftig».

Die Schriftausleger müssen laut Josef Ratzinger «erkennen, dass eine recht entfaltete Hermeneutik des Glaubens dem Text gemäss ist und sich mit einer ihrer Grenzen bewussten historischen Hermeneutik zu einem methodischen Ganzen verbinden kann» (II, 11). So will der Autor dem Zweiten Vatikanischen Konzil (Dei Verbum 12) entsprechen.

Historisch-kritische Exegese genügt nicht
Die Suche nach dem «realen Jesus» könne allein mit historisch-kritischer Exegese nicht gelingen. Denn der von ihr skizzierte Jesus sei «inhaltlich zu dürftig, als dass von ihm grosse geschichtliche Wirkungen hätten ausgehen können; er ist zu sehr in der Vergangenheit eingehaust, als dass persönliche Beziehung zu ihm möglich wäre» (II, 13). Auf diese Beziehung zielt der grosse deutsche Theologe. Er schreibt für jene, «die Jesus begegnen und ihm glauben wollen».

Aus dem Gespräch mit Auslegern des 20. Jahrhunderts (und wiederholter Bezugnahme auf den grossen mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin) heraus bietet der Papst einen luziden, bezugsreichen und doch gut verständlichen Durchgang durch das Wirken Jesu und seine Passion. Die Passion führt auf die leibliche Auferstehung hin. «Ob Jesus nur war oder ob er auch ist – das hängt an der Auferstehung» (II, 267).

Christen und Juden
Bei der Tempelreinigung weist Ratzinger die Deutung Jesu als eines zelotischen Revolutionärs ab. «Gewalt richtet das Reich Gottes, das Reich der Menschlichkeit nicht auf» (II, 29). Jesus sagte die Zerstörung des Tempels voraus. Nach dem Jahr 70 habe der Glaube Israels nur im Pharisäismus überlebt und deshalb «eine andere Gestalt angenommen».

Der Pontifex programmatisch: «Wir erkennen es nach Jahrhunderten des Gegeneinanders als unsere Aufgabe, dass diese beiden Weisen der neuen Lektüre der biblischen Schriften – die jüdische und die christliche – miteinander in Dialog treten müssen, um Gottes Willen und Wort recht zu verstehen» (II, 49).

«Personalistische Mitte»
Die Endzeitrede Jesu legt Ratzinger mit Bezug zu den Vorraussagen des AT und den Briefen des NT aus. «Die alten apokalyptischen Worte erhalten eine personalistische Mitte» (II, 66). Bei der Fusswaschung thematisiert Benedikt XVI. Reinheit, mit Bezügen zu Plotin. Anders als die Philosophen es sagen können, zeigt Jesus den Weg: «Er, der Gott ist und Mensch zugleich, macht uns gottfähig. Das Stehen in seinem Leib, das Durchdrungenwerden von seiner Gegenwart ist das Wesentliche» (II, 77).

Bei der Bitte um Einheit (Johannes 17) setzt der Theologenpapst sich mit Bultmann auseinander und hält gut katholisch dagegen: «Die unsichtbare Einheit der ‘Gemeinde’ genügt nicht» (II, 114). «Die Kirche entspringt dem Gebet Jesu» (II, 119).

Im Abendmahlskapitel packt Josef Ratzinger den Stier bei den Hörnern: «Der Sühnegedanke ist dem modernen Empfinden nicht nachvollziehbar» (II, 139). Die Auslegung der nicht einheitlich wiedergegebenen Einsetzungsworte leitet er mit dem Satz ein, «dass es die Überlieferung der Worte Jesu nicht ohne die Rezeption durch die werdende Kirche gibt, die sich streng zur Treue im Wesentlichen verpflichtet wusste, aber sich auch bewusst war, dass die Schwingungsbreite der Worte Jesu mit ihren subtilen Anklängen an Worte der Schrift in Nuancen Gestaltungen zuliess» (II, 147f).

Jesu Tod: Versöhnung und Heil
Zum Abschluss des grossen Kreuzigungs-Kapitels wird «Jesu Tod als «Versöhnung (Sühne) und Heil» besprochen. Ratzinger will nachzeichnen, «wie die werdende Kirche unter der Führung des Heiligen Geistes langsam in die tiefere Wahrheit des Kreuzes hineingewandert ist» (II, 254). Erneut nimmt er Römer 3,25 auf: «Nicht die Berührung von Tierblut mit einem heiligen Gerät versöhnt Gott und Mensch. In der Passion Jesu berührt der ganze Schmutz der Welt den unendlich Reinen, die Seele Jesu Christi und damit den Sohn Gottes selbst … In dieser Berührung wird wirklich der Schmutz der Welt aufgesogen, aufgehoben, umgewandelt im Schmerz der unendlichen Liebe» (II, 255f).

Über Hebräer 10 gelangt der Autor zu Römer 15,15f und 12,2: «Der wirkliche Kult ist der lebendige Mensch, der ganz Antwort auf Gott geworden ist, geformt von Seinem heilenden und verwandelnden Wort.» Von daher muss im Zentrum «des apostolischen Dienstes und der zum Glauben führenden Evangeliumsverkündigung  das Hineintreten in das Geheimnis des Kreuzes stehen» (II, 262). Dieses könne verstanden werden, lasse sich aber «nicht in Formeln unseres Verstandes zerlegen … Das Geheimnis der Sühne darf keinem besserwisserischen Rationalismus geopfert werden» (II, 264).

Wahrhaft auferstanden ...
Ohne die wahrhaftige Auferstehung Jesu von den Toten gibt es laut Josef Ratzinger zwar noch «eine Art von religiöser Weltanschauung – aber der christliche Glaube ist tot» (II, 266). Sie war nicht die «Lebendigmachung eines Toten» (R. Bultmann), sondern «der Ausbruch in eine ganz neue Art des Lebens, in ein Leben, das nicht mehr dem Gesetz des Stirb und Werde unterworfen ist» (II, 268). Ein universales Ereignis, das «Zukunft, eine neue Art von Zukunft, für die Menschen eröffnet».

Das leere Grab ist dann kein Beweis, aber «eine notwendige Bedingung für den Auferstehungsglauben …, der sich ja gerade auf den Leib und durch ihn auf die Person in ihrer Ganzheit bezieht» (II, 279f). Benedikt XVI. stellt neben das Bekenntnis (1. Korinther 15) die Schilderungen der geheimnisvollen Begegnungen mit dem Auferstandenen in den Evangelien, zuerst von Frauen. Sie sind, betont er, nicht innere Ereignisse oder mystische Erfahrungen, sondern «wirkliche Begegnungen mit dem Lebenden, der auf neue Weise Leib hat und leibhaft bleibt» (293). Drei Elemente seien zu erkennen: dass Jesus sich zu sehen gibt, spricht und Mahl hält (295).

Die Auferstehung als Ereignis in der Geschichte, das sie zugleich sprengt, wurde den Jüngern und wenig anderen Juden offenbart. Warum? «Es ist das Geheimnis Gottes, dass er leise handelt», schreibt Ratzinger, «… dass er immerfort leise an die Türen unserer Herzen klopft und uns langsam sehend macht, wenn wir ihm auftun» (II, 302).

… und aufgefahren in den Himmel
Jesus ist aufgefahren und sitzt zur Rechten Gottes, hat Teil an der Raummächtigkeit Gottes, welche der Papst so beschreibt: «Gott ist nicht in einem Raum neben anderen Räumen. Gott ist Gott – er ist Voraussetzung und Grund aller Räumlichkeit, die es gibt, aber nicht selbst einer davon. Gott steht zu allen Räumen als der Herr und der Schöpfer. Seine Gegenwart ist nicht räumlich, sondern eben göttlich» (II, 308).

Josef Ratzinger fragt auch: «Sollte die verfallende Welt uns denn lieber sein als der Herr, auf den wir doch warten?» (II, 314) Mit Verweisen auf grosse Gestalten der römisch-katholischen Kirche fordert er die Gläubigen auf, um die Wiederkunft von Jesus zu beten.

Zurück zum Haupttext