Kirchengeschichte als «Epoche der Gemeinde Jesu aus Juden und Nationen»

Die Trennung von Heidenchristen und Judenchristen war die erste tragische Spaltung der «Epoche der Gemeinde Jesu aus Juden und Nationen», wie Kägi die Kirchengeschichte nennt. Die Stossrichtung seines Buchs «Jesus ganz anders» fasst er in die Worte: «Hier sind wir am Entwickeln einer neuen Identität, wir suchen tastend nach neuen Bezeichnungen für die ‹Gemeinde› und danach, wie wir uns und einander benennen möchten, um unsere gemeinsame Identität zu bezeugen, ohne uns selbst oder einander zu verleugnen.» (15f)

Hansjörg Kägi stützt sich auf den Judenchristen, Kenner der jüdischen Tradition und anglikanischen Pfarrer Alfred Edersheim (1825-1889) und sein klassisches Werk «The Life and Times of Jesus the Messiah». Er lässt zudem Kirchenväter in grossen Zitaten sprechen und messiasgläubige Juden aus verschiedenen Jahrhunderten zu Wort kommen.

Mit diesen Kommentaren reichert er die Beschreibung des Wegs an, welchen der Wanderprediger aus Nazareth ging, lehrend, heilend, streitend – in allem abhängig von seinem Vater im Himmel. Diese Dimension von Jesu Dienst steht für Kägi im Vordergrund; in seiner Zusammenschau und plastischen Nacherzählung der Evangelien nehmen die Texte des Johannes einen prioritären Platz ein.

Den Verfasser interessiert auch der innerjüdische Dialog der ersten Jahrhunderte nach Christus. Für ihn zeigt die Spätantike – die Zeit zwischen dem Bar-Kochba-Aufstand (132-135 nach Chr.) und der Entstehung des Talmuds im 5. Jahrhundert – Erstaunliches: «Abgesehen von der Feindschaft zwischen jesusgläubigen Juden … und rabbinischen Juden, dem jüdischen Mainstream, gab es oft auch Dialog, sogar Freundschaft und echte gegenseitige Wertschätzung» (145). Auch nach den antichristlichen Festlegungen des Talmuds habe es im frühen Mittelalter hebräische Christen gegeben.

Kägi erwähnt weitere Juden späterer Jahrhunderte, die als messianisch Gläubige bekannt wurden. Er bedauert ihre Geringschätzung im Zuge des Antijudaismus. Denn Jesus habe fast ausschliesslich unter seinen jüdischen Landsleuten gewirkt. Für den Autor sind die Evangelien missverstanden, wenn Nichtjuden meinen, Jesus habe alles für sie getan: «Er hat es … für die Juden getan, damit sie ihn erkennen und sein Zeugnis zu allen Völkern tragen» (223).

Das Geschick von Jesus erfüllte sich in Jerusalem. Auch in der fürchterlichen Finsternis, den Schrecken und Schmerzen der Passion, eindringlich geschildert, offenbart sich für den Autor der Gottessohn als der ganz Andere, der am Vater in seiner Liebe festhält. Und so der Retter der Menschen aus allen Völkern wird. Der Auferstandene erscheint seinen Anhängerinnen, seinen Freunden. «Jesus ist das Höchste, was die Menschheit je gesehen und gehört hat» (343). Nach dem Durchgang durch die Evangelien plädiert der Autor dafür, sie als historische Quellen kritisch-wohlwollend ernstzunehmen. Die Zeit sei «reif für einen neuen, vertrauensvollen Zugang zu den Evangelien».

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