Christologie nach 1968

Die radikale Bibelkritik im deutschen Sprachraum nimmt Mostert hin («Über das Leben Jesu wissen wir ausserordentlich wenig», 56) und konzentriert sich ganz auf die Verkündigung Jesu, die Glauben weckt. Der Autor will dem Chaos wehren, dem gähnenden Abgrund, den er feststellt «zwischen Fundamentalismus auf der einen Seite und der Interpretation Jesu als einer charismatischen Persönlichkeit, eines Befreiers und Revolutionärs auf der anderen Seite» (37).

Denn das NT stellt laut Mostert Christus nicht als «Protagonisten von Emanzipation, Befreiung, Selbstverwirklichung» vor, «nicht als Bringer einer Gabe, als Offenbarer einer Idee, einer Theorie, einer Handlungsanweisung», nicht einmal als Heilsbringer, sondern «selbst als Heil der Welt, des Sünders in Person» (39).

Das Vorverständnis hinterfragen
Die frommen Theologen fragt Mostert, ob der Gedanke der Heilsgeschichte, «so biblisch er sich gebärdet», ebenfalls eine Zwangsjacke ist, «in die hinein sich Jesus als Person zu fügen hat». Römer 10,4 (s. o.) liest er grundsätzlich: «In einem vom Gesetz her bestimmten und verfassten Denken kann Jesus nicht zur Sprache kommen» (41). Für einen angemessenen Zugang zu den Fragen des Verstehens müsse der Mensch als Sünder gesehen werden.

Walter Mostert wendet sich gegen die verbreitete Meinung, dass griechische Theologen mit dem Begriff des logos die ursprüngliche Christologie deformierten. Es sei vielmehr klar, «dass die Christologie, also die Glaubensmotive, den Logosbegriff so weit bearbeiteten und so lange tauften, bis er christologisch geeignet wurde» (43). Der Systematiker meditiert über den Satz «Die dem Glauben eigene Spiritualität ist die Theologie». Gemeint ist: «Der Glaube bringt sich unablässig zu seinem Grund, durch Theologie, durch Auslegung der Schrift» (51).

Mostert spricht über Jesu Sein vor Gott und seine Verkündigung von Gottes Reich, in der das Evangelium wirksam ist. «Er selbst ist die Nähe der basileia» (79). Zur Passion betont er den Verzicht auf Kampf und Selbstrechtfertigung: «Jesus hat keine Idee, für die er mit dem Tod bezahlt, sondern er lebt in der Nähe Gottes und sieht, dass diese Nähe allemal den religiös-politischen Apparat aufs äusserste bedroht; denn wo Gott nahe ist, wird der religiös-politische Apparat überflüssig» (98). – Dem Leser scheint, dass «Nähe zu Gott» bzw. «Sein vor Gott» doch weit hinter den biblischen Aussagen über Jesus zurückbleibt.

Zwei Naturen
Die zweite Vorlesung führt mit einer eindringlichen Meditation des Johannesprologs hin zu Grundbegriffen der Zweinaturenlehre. «Schon in Joh 1,14 ist also eine Zweiheit als Einheit gedacht und eine Einheit als Zweiheit, nämlich der Sarx und der Doxa in der Erscheinung Jesu Christi, und die Erscheinung, das Phänomen Jesus Christus erscheint als Einheit von Sarx und Doxa» (151). Mostert führt aus, was «Mensch in der Verbindung Gottmensch» heisst und wie Jesu Vollkommenheit und Sündlosigkeit zu denken ist. Das ergibt: «Nicht der Mensch Jesus nimmt die Gottheit auf, sondern Gott wird Mensch und begibt sich in diese Menschheit.» Mostert betont: «Es lässt sich eindeutig zeigen, dass Jesus von Nazareth ganz und gar von Herzen rein war» (173).

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