Untersuchungsbericht zu Gottfried Locher

Die Vorwürfe einer ehemaligen Mitarbeiterin des Kirchenbunds gegen den Ratspräsidenten Gottfried Locher werden als glaubwürdig erachtet. Dies hat die von der EKS-Synode eingesetzte Untersuchungskommission in ihrem Bericht, der am 4. August publiziert wurde, festgehalten.

Die Kommission stützt sich auf die Untersuchung durch eine Zürcher Anwaltskanzlei. Gottfried Locher habe in seiner Funktion als Vorgesetzter eine frühere Mitarbeiterin in ihrer sexuellen, psychologischen und spirituellen Integrität verletzt, sagte Marie-Claude Ischer, Präsidentin der nichtständigen Untersuchungskommission, vor den Medien in Bern.

Aus dem Bericht der Kanzlei zitiert die Kommission zum Verhalten Lochers in den Jahren 2011 und 2012, es hätte «in der Verantwortung von ihm als Vorgesetzten gestanden, das Geschäftliche vom Privaten zu trennen und die Beziehung zur Beschwerdeführerin zu reduzieren. Stattdessen unternahm Locher stets neue Versuche, die Beziehung wieder ins Persönliche zu verlegen. Die Beschwerdeführerin war somit im Arbeitsverhältnis den unerwünschten Avancen Lochers ausgesetzt, wodurch dieser die Fürsorgepflicht verletzte.»

Gottfried Locher, der infolge der im März 2020 eingegangenen Beschwerde und des Vertrauenszerbruchs im Rat aufgrund einer geheimgehaltenen Liaison mit Ratsmitglied Sabine Brändlin Ende Mai 2020 zurückgetreten war, lehnte eine Befragung durch die Anwaltskanzlei ab. Die Kommission versuchte daraufhin nicht mehr, Kontakt zu ihm aufzunehmen; der Bericht wurde ihm nicht vorgelegt. Eine Klage gegen ihn liegt nicht vor.

Die Untersuchungskommission hatte im Auftrag der Synode auch die Arbeitsweise der Geschäftsstelle zu durchleuchten. Die Versäumnisse im Umgang mit der Mitarbeiterin sind laut Bericht teilweise auf damals fehlende Prozesse und Verfahren im SEK zurückzuführen. Der Rat sei mit der Beschwerde insgesamt umsichtig gegangen.

Die Untersuchungskommission hat 17 Empfehlungen zuhanden der Synode formuliert; diese wird sich an der ausserordentlichen Versammlung am 6. September damit befassen. Die Kompetenzen des Ratspräsidenten, in der neuen Verfassung der EKS, die erst auf Neujahr 2020 in Kraft trat, werden hinterfragt (dreigliedrige Leitung aufheben oder revidieren?). Zwei externe Ombudsstellen sollen geschaffen und ein Ethikkodex erarbeitet werden.

Empfohlen wird auch eine finanzielle und persönliche Wiedergutmachung an die Beschwerdeführerin, die anonym bleibt. Die EKS entschuldige sich bei ihr für das erfahrene Leid und den langen Weg, den es gebraucht habe, um sich Gehör zu verschaffen, sagte EKS-Präsidentin Rita Famos vor den Medien.

In einer Stellungnahme zum Bericht hat der Rat der EKS festgehalten, dass weitere Grenzverletzungen Lochers gegenüber Mitarbeitenden der Geschäftsstelle SEK/EKS nicht festgestellt werden konnten. Er wendet sich gegen eine Änderung der dreigliedrigen Leitungsstruktur.

Neben der Beschwerdeführerin hatten sich drei weitere Personen wegen «Grenzüberschreitungen» Lochers bei einer eigens dafür eingerichteten Stelle gemeldet. Da sie anonym blieben, konnten ihre Schilderungen nicht untersucht werden.

Die Aufarbeitung des Falles habe die EKS bisher rund 400'000 Franken gekostet, sagte Roland Stach, Vizepräsident der Untersuchungskommission.

Simon Hehli kommentiert in der NZZ, die EKS-Verantwortlichen hätten in der Krise nicht gut reagiert. «Keine Seite bemühte sich mehr um eine versöhnliche Lösung, etwa eine Mediation, die sowohl den Bedürfnissen der betroffenen Frau gerecht geworden wäre, als auch den immensen Reputationsschaden für die Kirche abgewendet hätte.» Nun übernehme die Kommission die Sicht der Beschwerdeführerin und mache mit ihrem Bericht Gottfried Locher praktisch zum Alleinschuldigen, ohne ihm Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben zu haben.

Bericht der Untersuchungskommission                   
Stellungnahme des Rats der EKS
Bild: EKS/Michèle Graf-Kaiser
Livenet-Kommentar von Fritz Imhof